10.11.25


Europas Eigeninteressen: der nüchterne Blick auf Putins Russland 

Eine Replik auf den Essay „Die Ukraine-Krise trifft jetzt alle - nur nicht ihre Verursacher“ von Harald Neuber (Berliner Zeitung, 2.11.25)



Bei der europäischen Ukraine-Politik herrsche ideologische Verblendung, wo realpolitische Interessenvertretung gefordert sei, so konstatiert es Harald Neuber. Die Ukraine habe nie eine reale Chance gehabt, Russland zu besiegen, die Wirtschaftssanktionen seien wirkungslos geblieben, die bisherige Strategie des Westens gescheitert. Aufgrund der Zerstörung der ukrainischen Energieversorgung werde im Winter eine erneute Flüchtlingswelle auf die EU zurollen, dazu eine Agrarkrise durch den Import von ukrainischen Produkten. Es stelle sich die Frage, „wessen Interessen werden hier eigentlich geschützt?“ Neuber plädiert für einen radikalen Kurswechsel, „weg von der Konfrontation, hin zur Diplomatie“. Wie letztere erfolgreich sein kann, nachdem sich selbst der Putin-Verehrer Trump die Zähne daran ausgebissen hat, erwähnt Neuber nicht. Er wird aber zumindest insofern konkret, als er sich gegen weitere Waffenlieferungen und Wirtschaftssanktionen ausspricht. 


Das Szenario eines russischen Siegs in der Ukraine


Dass die Ukrainer sich nach einem Abbruch der westlichen Waffenlieferungen früher oder später den Russen geschlagen geben müssen und dann zwangsweise größere Teile der Ukraine unter russische Herrschaft gelangen, ist jedem klar. Ob das geeignet ist, der Ukraine „wirklich zu helfen“ (wie Neuber behauptet), kann bezweifelt werden, darf für uns aber zunächst keine Rolle spielen. Denn die Forderung, dass deutsche und europäische Politik in allererster Linie dem Wohl Deutschlands und Europas dienen muss, ist natürlich berechtigt. Die eigentliche Frage lautet also, was es für uns bedeutet, wenn es Russland gelingt, die Ukraine in die Knie zu zwingen. 


Zunächst einmal eine größere Flüchtlingskrise als die, die Neuber für diesen Winter vorhersagt, so viel ist sicher. Migrationsforscher gehen für diesen Fall von einer der größten Fluchtbewegungen in Europa seit den 1940er Jahren aus. Die mittelbaren Konsequenzen sind allerdings schwieriger einzuschätzen, denn sie hängen davon ab, wie Putin tickt und welche strategischen Ziele er verfolgt. 


Putin einschätzen


Ein paar seiner Charakterzüge können wir auch aus der Entfernung ableiten. Putin ist ein Meister der Täuschung: Schröder und Trump hätten schwören können, dass er ein vernünftiger, anständiger Kerl sei. Putin ist skrupellos und brutal: Nemzow ist tot, Nawalny ist tot, Prigoschin ist tot, gut hundert russische Oligarchen kamen seit dem Ukraine-Krieg unter verdächtigen Umständen ums Leben, von den Verlusten an Menschenleben an der Front, die in Kauf genommen werden, ganz zu schweigen. Putin ist selbstverliebt: er lässt Fotos von sich mit nacktem Oberkörper verbreiten. Putin neigt zur Selbstüberschätzung: er war überzeugt davon, die Ukraine im Handstreich einnehmen zu können. 


In seiner geopolitischen Weltanschauung bemüht er unablässig das Konzept der Russki Mir (Russischen Welt): Russland stelle eine einzigartige Zivilisation Eurasiens dar, deren natürliches militärisch-politisches Einflussgebiet alle Regionen mit russischen Muttersprachlern umfasst - insbesondere aber das Nahe Ausland (die Nachfolgestaaten der Sowjetunion, zu denen neben Georgien und der Ukraine auch die baltischen Staaten zählen). 

Russland selbst hat unter Putin eine schleichende, aber effektive Entdemokratisierung durchlebt. Von Fachleuten wird es heute wahlweise als Autokratie, Diktatur oder totalitäres System eingeordnet - der Historiker Benno Ennker verwendet den Begriff „Führerdiktatur“. 


Putins frühe Präsidentenjahre

Ab 2002 begann die Regierung Putin, russische Pässe an die Bewohner von Südossetien und Abchasien ausgeben, die sich zehn Jahre zuvor - ohne internationale Anerkennung - von Georgien unabhängig erklärt hatten. 2008 verlegte Russland unter Vorwänden immer mehr Truppen in die Regionen und unterstützte die dortigen Paramilitärs mit Waffen und Ausbildung. Diese suchten wiederum zunehmend die Konfrontation mit Georgien. Die folgende militärische Eskalation nutzte Moskau dann, um offen militärisch einzugreifen - angeblich, um die Georgier vom Völkermord abzuhalten. Die Operation war gut vorbereitet und wurde entschieden durchgeführt, im Ergebnis des Kaukasien-Kriegs stand ein schneller, klarer Sieg Russlands. Dass Moskau danach Abchasien und Südossetien als „eigenständige“ Staaten anerkannte und seine Militärpräsenz dort ausbaute, wurde von Amerikanern und Europäern scharf kritisiert, insbesondere von den Skandinaviern, Balten, Polen und Ukrainern. Über die Kritik hinaus folgte allerdings - nichts. 

Die großen europäischen Mächte suchten vielmehr den Dialog und die Kooperation mit Moskau. Ein abschließender Report der EU zum Kaukasus-Krieg vermied es, Russland als Aggressor zu benennen. Deutschland begann 2009 mit dem Bau von Nord-Stream-1. 


Der Kreml ließ derweil in seiner kurz nach Kriegsende veröffentlichten Medwedew-Doktrin wissen, dass Russland keine Konfrontation mit anderen Ländern suche, es gebe lediglich Regionen, an denen es ein privilegiertes Interesse habe. Davon abgesehen sei es sei eine seiner Prioritäten, seine Bürger zu schützen, wo immer sie sich befinden


Die Krim


2014 wurde deutlich, dass eine der Regionen privilegierten Interesses die Krim mit ihrer mehrheitlich ethnisch-russischen Bevölkerung war. Nachdem im Rahmen der Euromaidan-Proteste der pro-russische Präsident Janukowytsch abgesetzt worden und eine außenpolitische Hinwendung der Ukraine zur EU abzusehen war, ging Moskau auf der Krim von der Unterstützung separatistischer Gruppen zur kriegerischen Annexion über. Die Militäroperation - erneut gut vorbereitet und entschlossen ausgeführt - wurde international scharf kritisiert. Die EU verhängte einige Handelssanktionen auf Rüstungsgüter. Ansonsten passierte - nichts. 

Denn in Deutschland sprachen sich neben der Linken auch wichtige Teile der SPD dafür aus, Russland gegenüber jede Konfrontation zu meiden. Man wollte, in Frank-Walter Steinmeiers Worten, „zur Deeskalation beitragen und nicht jede mögliche Verschärfung herbeireden“. Trotz immer lauteren Warnungen seitens Polens, Dänemarks, Schwedens, der baltischen Staaten und Frankreichs begann Deutschland 2018 mit dem Bau von Nord-Stream-2. 

Putin kündigte indessen an, dass er sich zum Schutz der Russen in der Ukraine alle Mittel offen halte. 


Deutschlands blindes Auge


Zu den Prominenten, die sich damals vehement für eine Fortsetzung der wirtschaftlichen Kooperation mit Russland und gegen die Konfrontation aussprachen, gehören Sahra Wagenknecht, Sevim Dağdelem, und Gabriele Krone-Schmalz. Alle drei bekräftigten ihre Haltung noch am Vorabend des russischen Angriffs auf die Ukraine 2022. Alle drei stritten rundweg ab, dass Putin nun eine Invasion beabsichtige - an einer derartigen Aggression habe er gar kein Interesse. Dass sie Putin völlig falsch eingeschätzt hatten, brachte sie bezeichnenderweise nicht dazu, gegenüber Russland einen anderen Ansatz zu erwägen. 

Wer sich dagegen in seiner Analyse bestätigt sah, sind die Polen, Balten, Schweden und Dänen. Mittlerweile schätzen auch die Finnen und Norweger Russland als eindeutige Bedrohung an. Alle direkten Nachbarn Russlands sind sich ihrer Haltung damit einig, von den Niederländern, Briten und Franzosen ganz zu schweigen. 


Ein militärischer Erfolg für Russland, dann die Füllung seiner Kassen


Anders als von allen erwartet, hat Putin seine Ziele in der Ukraine nach fast drei Jahren Krieg nicht ansatzweise erreicht - obwohl die westliche Militärhilfe erst behäbig angelaufen und seither von mannigfaltigen Zurückhaltungen geprägt ist. Russlands Verluste an Menschen und Material steigen in schwindelerregendem Ausmaß. Seine Wirtschaft verliert währenddessen aufgrund der westlichen Sanktionen zunehmend an Fahrt. 


Unsere Waffenhilfen an die Ukraine einzustellen und sie so in einen Diktatfrieden mit Putin zu zwingen, würde also zunächst einmal die russische Kriegswirtschaft von immensem Druck befreien. Es würde ihr Raum und Ressourcen verschaffen, die Arsenale wieder aufzufüllen und zu modernisieren: Russland würde an militärischer Stärke zunehmen. Die Wirtschaftssanktionen aufzuheben, hätte den gleichen Effekt. Russland würde wieder Technologie aus dem Westen kaufen können - und gleichzeitig hätte es mehr Geld zur Verfügung, weil wir sein Öl und Gas wieder importierten. 


Europas Sicherheit ohne die USA


Neuber geht offensichtlich davon aus, dass von Putin kein grundsätzliches Risiko für die europäische Sicherheit ausgeht. Gemäß diesem Narrativ wäre es folgerichtig harmlos, wenn dieser in der Ukraine ein erneutes militärisches Erfolgserlebnis einstreichen und danach seine Kriegskasse wieder auffüllen könnte. 

Im Gegen-Narrativ (von dem die Mehrzahl der europäischen Regierungen und insbesondere die Ostsee-Anrainerstaaten ausgehen), handelt es sich bei Putin um einen brutalen Diktator, dem nicht zu trauen ist und dessen Vision eines groß-russischen Reichs nicht vor den Grenzen der EU halt macht. In diesem Fall würde sich Europa mit einem Aussetzen der Waffenlieferungen und Wirtschaftssanktionen in eine gefährliche, verwundbare Lage begeben. Dies gewinnt zusätzliche Brisanz vor dem Hintergrund, dass die USA sich in absehbarer Zukunft - ob man das begrüßt oder nicht - für Europas Sicherheit nicht mehr zuständig fühlen werden. 


Welches Narrativ stichhaltiger ist, muss jeder selbst prüfen. Wenn Neuber allerdings behauptet, die von ihm geforderte Deeskalation gegenüber Putin sei ein radikaler Kurswechsel, muss man klar widersprechen. Sie ist im Gegenteil ein Rückfall auf das, was der Westen stoisch von 2008 bis 2022 praktiziert hat. Der Begriff Appeasement, der sich ursprünglich auf die westliche Haltung in der Sudetenkrise bezog, drängt sich in diesem Zusammenhang vor allem deshalb auf, weil Hitler die Annexion des Sudetenlands mit dem Schutz der dortigen deutschsprachigen Bevölkerung rechtfertigte. 



9.1.25

 „Taiwan zu China? Warum nicht gleich an die Holländer?“: 

Die schwierige Frage nach der taiwanischen Identität 


Wenn man es mit historischen Besitzansprüchen auf Taiwan genau nähme, müsste man es wohl den Ureinwohnern zurückzugeben, die heute noch etwa 2% der Bevölkerung stellen. Aber abgesehen davon, dass das die Büchse der Pandora öffnen würde - die Ureinwohner aller möglichen Inseln von den Philippinen über Indonesien, Mikronesien, Melanesien, Neuseeland bis nach Hawaii und Madagaskar stammen allen von den taiwanischen Indigenen ab -, brachten die indigenen Stämme es nie zur Staatenbildung. Der erste Staat, der die Kontrolle über Taiwan ausübte, waren die Niederlande. Im Rahmen ihrer Handelsausdehnung nach Asien errichteten sie 1624 einen Vorposten auf einer Sandbank vor der Westküste, eroberten die spanischen Stützpunkte an der Nordküste und erbauten schließlich das Fort Provintia im Landesinnern (im Siedlungsgebiet des Stammes der Taivoan, auf deren Namen die heutige Bezeichnung Taiwans zurückgeht). Um dieses Fort herum wuchs Tainan, die älteste Stadt der Insel und bis 1887 ihre Hauptstadt. 

Erst unter niederländischer Regierung begann die Einwanderung ethnischer Han-Chinesen. Ihr Zuzug wurde aktiv gefördert, da man sie als Bauern und Steuerzahler brauchte. Sie rekrutierten sich hauptsächlich aus der in der südchinesischen Küstenprovinz Fujian ansässigen Volksgruppe der Hoklo. Heute ist das von ihrem Hokkien-Dialekt abgeleitete Taiwanisch Muttersprache von 70% der Bevölkerung. 



1662 wurden die Niederländer nach mehrmonatigen Kämpfen vom chinesisch-japanischen Piratenkapitän Koxinga vertrieben, dessen Flotte einen neuen Rückzugsort benötigte. Der Großteil der nicht geflohenen Holländer wurde geköpft oder versklavt, Koxinga selbst nahm die Tochter eines getöteten Missionars als Konkubine. Nach seinem Sieg gründete er auf der Insel das Königreich Tungning. Dieses beherrschte nicht nur den regionalen Seehandel bis nach Japan und Südostasien, sondern attackierte auch immer wieder Küstenstädte der Qing-Dynastie, als deren Todfeind sich Koxinga verstand. Gut zwanzig Jahre bestand das Königreich, bevor es schließlich von Invasionstruppen der Qing eingenommen wurde. 1683 erstreckte sich damit erstmalig die Herrschaft des chinesischen Kaiserreichs auf Taiwan. 

Der Eifer, den die Qing bei der Verwaltung der Insel an den Tag legten, hielt sich in Grenzen. Auch nach 200 Jahren dehnte sich ihre Kontrolle auf weniger als die Hälfte der Landfläche aus und nicht auf das bergige Zentrum, wo die indigenen Stämme nach wie vor der Kopfjagd nachgingen. Ein nennenswerter Ausbau der Infrastruktur fand nicht statt. All das erfolgte erst, als die Japaner die Macht übernahmen. Nach ihrem Sieg im Ersten Japanisch-Chinesischen Krieg 1895 zwangen sie die Qing, Taiwan abzutreten - mit der Absicht, eine Kolonie mit Modellcharakter zu errichten. Sie führten Schulpflicht, Bankwesen und Gesundheitssystem ein, schafften das Füßebinden bei Mädchen ab, bekämpften erfolgreich Opiumsucht, Malaria, Pest und Tuberkulose und investierten massiv in den Bau von Straßen, Eisenbahnen, Abwassersystemen. Die Bergstämme wurden befriedet, notfalls mit Gewalt. Taiwan wurde industrialisiert. Insbesondere die Landwirtschaft boomte und versorgte Japan mit dringend benötigten Agrarprodukten. Der Lebensstandard der Taiwaner stieg. Innerhalb von 50 Jahren wandelte sich die anfängliche Feindseligkeit in eine zunehmende Identifizierung mit den Eroberern. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, kämpften taiwanische Truppen auf Seiten Japans, auch gegen China. 



„Mein Großvater sprach meistens Japanisch, mein - während des Kriegs geborener - Vater Taiwanisch. Erst meine Generation ist mit Mandarin großgeworden“, erklärt die Kuratorin Angela Hsu. Sie organisiert Ausstellungen sowohl von taiwanischen Künstlern in Berlin, wo sie zeitweise lebt, als auch von Berliner Künstlern in ihrer Heimatstadt Tainan, heute die sechstgrößte Stadt des Landes. Anders als in den sonstigen Großstädten Taiwans gibt es hier nur wenige Wolkenkratzer, dafür daoistische und buddhistische Tempel an jeder Ecke - und jede Menge protestantischer Kirchen, ein Vermächtnis der Holländer. „Hier im südlichen Teil von Taiwan gab es auch die größte Vermischung zwischen Hoklo und Ureinwohnern. Meine Großmutter zum Beispiel war eine Indigene. Das mit der chinesischen Identität ist uns erst von Tschiang Kai-schek übergestülpt worden.“ 

Nach der Kapitulation 1945 wurde Japan von den Vereinigten Staaten angewiesen, die Verwaltung Taiwans an die Nationalrevolutionäre Armee (NRA) Tschiang Kai-scheks zu übergeben. Die darauf von dessen Regierung verkündete Annexion der Insel wurde von den Alliierten zwar nie rechtlich anerkannt, aber geduldet. Die Einheimischen waren mit der Administration der für ihre Korruption berüchtigten NRA jedoch unzufrieden, auch deren Kampagne zur De-Japanisierung traf auf wenig Gegenliebe. 1947 kam es zu einem allgemeinen Aufstand, der von Truppen aus dem chinesischen Festland innerhalb von zwei Wochen blutig niedergeschlagen wurde. Bis zu 30.000 taiwanische Zivilisten kamen nach offiziellen Schätzungen zu Tode. Als Tschiang und seine Anhänger dann nach dem verlorenen Bürgerkrieg 1949 nach Taiwan flohen, beherrschten sie die Bevölkerung mit eiserner Hand. Das von ihnen ausgerufene Kriegsrecht bestand bis 1987, die Fünfziger- und Sechzigerjahre waren geprägt von der Phase des „Weißen Terrors“ gegen alle, die des Widerstands gegen die Kuomintang-Regierung verdächtigt wurden. 140.000 Taiwaner wurden inhaftiert, viele verschwanden spurlos, knapp 4000 wurden offiziell hingerichtet. 



„Die Waishengren, also die mit der Kuomintang eingewanderten Chinesen, haben lange den Ton angegeben“, sagt Hsu. Deren Anteil an der Bevölkerung beträgt etwa 10%. „Die ältere Generation betont, dass Tschiang Kai-tschek uns dafür immerhin vor den Kommunisten bewahrt hat. Aber hätten wir das mit Hilfe der Amerikaner nicht auch selber hinbekommen?“ 

1986 wurde in Taiwan ein Mehr-Parteien-System eingeführt. 1988 gab es die ersten freien Wahlen, stärkste Kraft blieb zunächst die Kuomintang. Zum ersten Machtwechsel im Parlament, dem Lackmustest für junge Demokratien, kam es 2016. Die Prägung durch die japanische Kultur muss schon lange nicht mehr verleugnet werden. „Schauen Sie sich um - überall japanische Restaurants“, lacht Hsu. „Davon abgesehen gibt es eine wachsende Rückbesinnung auf die Kultur der Ureinwohner“. Erst vor drei Jahren hat sie eine Ausstellung für einen bekannten indigenen Künstler in Berlin organisiert. Den Anspruch der chinesischen Kommunisten auf Taiwan empfindet sie, wie die meisten Taiwaner, als so bedrohlich wie lachhaft. „Worauf die das geschichtlich begründen wollen, ist mir schleierhaft“, winkt sie kopfschüttelnd ab. „Da hätten selbst die Niederländer bessere Argumente.“ 

27.11.24

Fossile statt Kernkraft: Wie uns die Friedensbewegung der Achtziger in der Klimakrise versagen lässt

Der Klimawandel ist das Umweltproblem unserer Zeit. So drängend, dass wir zu Recht von Klima-Krise sprechen. Und da im Krisenmanagement Priorisierung eine elementare Rolle spielt, müsste die Reduktion von Treibgasemissionen auf unserer Prioritätenliste an erster Stelle stehen. Im Umwelt- und Wirtschaftsministerium hatte jedoch die Abkehr von der - emissionslosen - Kernenergie Vorrang. Dementsprechend setzten die beiden grünen Ministerien die Abschaltung der letzten drei Kernkraftwerke zum 15. April 2023 durch, als Schlusspunkt des 2002 von der Regierung Schröder auf den Weg gebrachten deutschen Atomausstiegs. 

Als guter Klimaschützer hätte man stattdessen die entsprechende Menge an Kohlekraftwerken abschalten müssen; Kohle ist die schmutzigste und davon abgesehen auch die gefährlichste Energiequelle. Greenpeace jubelte trotzdem, die Kernkraftwerke hätten den Erneuerbaren Energien schließlich „den Platz weg“ genommen. Ähnlich klang es bei den Grünen: Die Kernkraftwerke würden „Netze verstopfen“. Die Kohle- und Gaskraftwerke, die nun im Gegenzug länger laufen müssen, tun das anscheinend nicht. Wie dem auch sei, soll derzeit ein Untersuchungsausschuss klären, ob die Abschaltung nicht aus parteipolitischen Vorgaben anstelle rationaler Erwägungen erfolgte. 


Wie wir in diese Situation gekommen sind, ist eine (westdeutsche) Geschichte von Atom-Panik, die bis in die späten Siebzigerjahre zurückreicht und zuweilen die Mehrheit der Bevölkerung erfasste. Erst vor dem Hintergrund der Klimakrise setzt sich eine nüchternere Sichtweise durch: In einer Umfrage vom April diesen Jahres sprachen sich 59% der Deutschen gegen den Atomausstieg aus. In einer Umfrage des MDR in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bewerteten sogar 67% den Atomausstieg als falsch, 66% befürworteten die Reaktivierung von Kernkraftwerken. Das mag damit zu tun haben, dass die Kernkraft in der DDR - ungeachtet der Kraftwerke in Lubmin und Rheinsberg - kein Gesellschaftsthema war. 

Nun ist Kernkraft keine ideale Energiequelle, es fallen dabei Abfälle von teils starker Radioaktivität an. Zwar hat Finnland am Beispiel von Olkiluoto demonstriert, wie eine Endlagersuche im Einvernehmen mit der Bevölkerung erfolgreich zum Abschluss gebracht werden kann. Auch muss theoretisch nur ein kleiner Teil der radioaktiven Abfälle endgelagert werden, da sie zu gut 95% recycelt werden können. Trotzdem strahlt der Rest noch Jahrtausende. Wissenschaftler reden deshalb gerne von der Kernkraft als Brückentechnologie. Ihre Gegner konzentrieren sich allerdings seit jeher auf ein anderes Argument: Sie sei eine Hochrisikotechnologie. „Keine Energie ist gefährlicher“, behauptet Greenpeace. Die Argumentation hinter dieser Aussage hat leider schon lange die rationale Bodenhaftung verloren. 


Die Argumentation dreht sich maßgeblich um die beiden großen Nuklear-Unfälle, die die Welt erlebt hat: 1986 in Tschernobyl und 2011 in Fukushima. Gestützt auf veraltete Rechenmodelle wurde von Atomgegnern in beiden Fällen vorhergesagt, dass die freigesetzte Strahlung Zehntausende Todesopfer fordern würde. Heute wissen wir, dass es einige Hundert waren - für beide Unfälle zusammen. 

Der Unfall von Tschernobyl ereignete sich - das wird selten erwähnt - im Laufe eines Experiments am laufendem Reaktor, das schon an sich ambitioniert war und dann mit so viel Fahrlässigkeit, Bedienfehlern und Krisen-Fehlentscheidungen durchgeführt wurde, dass am Ende die Havarie stand. Laut des letzten, 2018 vorgelegten Berichts des UN-Wissenschaftsausschusses zur Untersuchung der Auswirkungen atomarer Strahlung (UNSCEAR) starben 30 beteiligte Arbeiter sofort oder innerhalb weniger Wochen durch die sogenannte Strahlenkrankheit, also akute Strahlenschäden. 19 weitere starben in den Jahrzehnten danach an Ursachen, die teils mit großer Wahrscheinlichkeit auf die Strahleneinwirkung zurückgingen. Fünf starben beispielsweise an Krebs, andere aber auch an Tuberkulose oder Schlaganfall. Durch radioaktive Kontamination im Regen, die über Gemüse und Kuhmilch mit der Nahrung aufgenommen wurde, gab es außerdem einen Anstieg von Schilddrüsenkrebs bei Kindern - deren Schilddrüsen vulnerabler sind als die von Erwachsenen - , nach Auswertung von UNSCEAR in einer Höhe von ca. 4800 Fällen. Nun sind die Erfolgsraten der Behandlung mit über 95% sehr hoch. Trotzdem muss in diesem Zusammenhang mit etwa 100 bis 400 Todesfällen gerechnet werden; bisher nachgewiesen sind 15. Für weitere Todesfälle durch Krebs finden sich keine Belege. 

Es war lange umstritten, inwiefern die geringen Strahlenwerte, denen die Bevölkerung in der Ukraine und angrenzenden Sowjetunion im Rahmen des Tschernobyl-Desasters ausgesetzt war, generell zu Krebserkrankungen führen könnten. Es handelte sich hier um Werte, die einer zusätzlichen Jahresdosis natürlicher Hintergrundstrahlung oder mitunter auch einer CT-Untersuchung entsprechen. Gemäß der Arbeitshypothese des sogenannten „Linear-No-Threshold“-Modells („linear ohne Schwellenwert“) ergeben sich auch für solch kleine Strahlendosen geringfügige Erhöhungen der Krebswahrscheinlichkeit, was bei einer großen Menge Betroffener statistisch ins Gewicht fallen würde. Die No-Threshold-Hypothese wird jedoch schon seit ihrer Konzeption in den Vierzigerjahren angezweifelt. Sie blendet aus, dass jeder Mensch kontinuierlich geringen Dosen natürlicher Strahlung ausgesetzt ist, und tatsächlich kann ein linearer Zusammenhang zwischen Strahlung und Krebswahrscheinlichkeit lediglich für hohe Dosen bestätigt werden. Eine Häufung von Krebserkrankungen lässt sich jedenfalls in der Ukraine und den angrenzenden Staaten nicht nachweisen. Schon gar nicht in Westeuropa. 


Im Fall des Fukushima-Desasters 2011 gab es glücklicherweise keine Toten durch Strahlenkrankheit, auch ein Anstieg von Schilddrüsenkrebs-Fällen bei Kindern ist bis heute nicht zu beobachten. Einer der Arbeiter, die nach der Havarie im Kraftwerk eingesetzt worden waren, starb allerdings 2018 an Lungenkrebs, was als direkte Folge der Strahlenbelastung gewertet wird. Andere Todesfälle durch Strahlung können bisher - trotz umfangreicher Untersuchungen - nicht festgestellt werden. 

Die Klimaforscherin Hannah Ritchie von der Universität Oxford hat für Our World in Data eine Analyse der durch Tschernobyl und Fukushima verursachten Todesopfer-Zahlen vorgenommen. Sie weist darauf hin, dass in Fukushima durch die Belastungen im Rahmen der Evakuierungsmaßnahmen über 2000 - meist ältere, teilweise bettlägerige - Menschen zu Tode kamen. Bei den Evakuierungen kann mitunter nicht klar getrennt werden, ob sie durch den Tsunami oder das Reaktorunglück bedingt wurden; Ritchie plädiert dennoch dafür, diese Todesfälle dem Reaktorunglück zuzuschreiben. Aber sogar unter dieser Prämisse kommt sie zu dem verblüffenden Ergebnis, dass sich die zusammengefassten Todeszahlen von Tschernobyl und Fukushima winzig ausnehmen im Vergleich zu den Opfern, die die Stromerzeugung durch Gas fordert (maßgeblich durch Luftverschmutzung und Unfälle), ganz zu schweigen von Öl oder Kohle. Selbst Windkraft ist nach ihren Berechnungen gefährlicher als Kernenergie: 

(veröffentlicht von Our World in Data)

Wie kommt es, dass wir Deutschen ungeachtet dieser Datenlage Kern- statt Kohlekraftwerke abschalten? Das liegt zum einen an den alternativen Fakten, die die Anti-Atom-Bewegung streut, zum anderen an den Ursprüngen, auf die sie sich beruft. Als 2006 eine Vereinigung von Wissenschaftlern verschiedener UN-Organisationen (außer UNSCEAR auch WHO, IAEA, UN-Umweltprogramm und andere) einen Bericht zu den Auswirkungen von Tschernobyl vorlegte, wurde dieser von Aktivisten postwendend als verharmlosend zurückgewiesen - namentlich von Greenpeace, den europäischen Grünen, den Internationalen Ärzten gegen den Atomkrieg (IPPNW) und der Altner-Combecher-Stiftung für Ökologie und Frieden. Stattdessen wurde von zwei IPPNW-Mitgliedern ein alternativer Report namens TORCH verfasst, der, unter Ausblendung der Datenlage und stoisch auf Berechnungen gemäß des No-Threshold-Modells gestützt, Zehntausende zusätzliche Krebstodesfälle prophezeite. 

Was ins Auge fällt, ist, dass all diese Organisationen Anti-Kernkraft- mit Anti-Atomkriegs-Aktivismus vermischen. Die Wurzeln von Greenpeace liegen in den Atomwaffentest-Protesten der Sechziger Jahre, die der Grünen in der Opposition gegen Atomwaffenstationierungen im Rahmen des Nato-Doppelbeschlusses Ende der Siebziger. Atom-Kraft wurde hier von Anfang an mit Atom-Waffen gleichgesetzt. Gerade in Westdeutschland und Österreich mobilisierte das starke Emotionen, gegen die Fakten letztlich wenig ausrichten konnten. Da hilft es auch nichts, dass eines der Gründungsmitglieder von Greenpeace - Patrick Moore - mittlerweile Kernkraft als wichtiges Instrument gegen den Klimawandel bewirbt und seine früheren Mitstreiter bezichtigt, wissenschaftliche Rationalität zu Gunsten aktivistischer Folklore hintanzustellen. 



Die grüne Folklore macht uns Deutsche jetzt zum Klima-Versager. Obwohl wir mit Hochdruck am Ausbau der Erneuerbaren arbeiten und durchaus Erfolge vorweisen können - laut Bundesregierung hat der Anteil von Erneuerbaren Energien am Bruttostromverbrauch von 6,3% im Jahr 2000 auf 57% im ersten Halbjahr 2024 zugenommen -, stehen wir in der EU als Treibhaussünder da. Die neuesten verfügbaren Zahlen darüber, wieviel CO2-Emissionen in den jeweiligen Ländern bei der Stromerzeugung entstehen, stammen aus 2022; sie wurden von der Europäischen Umweltagentur (EEA) veröffentlicht. Das EU-Mittel betrug demnach 258g Kohlendioxid pro Kilowattstunde. Frankreich, das seinen Strom maßgeblich aus Kernenergie bezieht, zählte mit sensationellen 74g zu den besten Vier. Deutschland dagegen lag mit 368g um ein Vielfaches höher und belegte innerhalb der 27 EU-Staaten weit abgeschlagen den fünftschlechtesten Platz. 

Gut gemeint ist nicht gut gemacht, möchte man dem Umweltministerium zurufen. Und dass die Klimakrise von uns allen verlangt, sich aus der Komfortzone herauszubewegen. 

13.5.24

Der Feind meines Feindes: Der Antiamerikanismus der Putinversteher

(veröffentlich in der Berliner Zeitung)

20.4.24

Neukölln

 

Morgens vor neun auf dem Weg zur Arbeit, U8 Schönleinstraße. 


Auf der halben Etage zwischen den Treppenaufgängen, gegenüber dem vietnamesischen Blumenladen, der hier im Untergrund wie ein Wunder seine Sumpfblütenexistenz verteidigt, gibt es einen toten Winkel. Er ist meistens mit einer Pisslache versehen, aber die BVG gibt sich neuerdings Mühe: der schwarze Estrich mit den vielen Rissen ist vor Morgengrauen sauber gewischt worden. Auch der Sims an der Mauer daneben, auf dem sonst häufig Spuren von weißem Pulver und leere Kunststoffhülsen mit Schnappdeckel verstreut sind, von der Art, die man Eppendorfgefäße nennt. 

In dem Winkel, der heute so reinlich imponiert, hat sich eine junge Frau im Schneidersitz niedergelassen und werkelt mit Alufolie. Ein Fetzen davon liegt bereits vor ihr, darauf haftet etwas bräunliches; jetzt müht sie sich ab, aus dem Rest der Folie einen Inhalierhalm zu basteln. Die ganze Aktion ist offensichtlich übers Knie gebrochen. Profi-Konsumenten bringen sich ein Metallröhrchen mit. 

Es ist einiges los um diese Zeit im U-Bahnhof Schönleinstraße, Leute müssen zur Arbeit, Kinder müssen in die Kita gebracht werden, keiner hält sich mit der jungen Frau auf. Nur ich kann mein Maul nicht halten. 

„Entschuldigung, aber Sie können hier auf keinen Fall in der Öffentlichkeit Folie rauchen.“ 

Die Reaktion auf diesen Einwand kann, je nach Kontext, verschieden ausfallen. Im Fall der jungen Frau deuten die Planlosigkeit der Unternehmung und die Ungeduld beim Werkeln bereits auf einen gewissen Suchtdruck hin. Sie hat keine Zeit für Diskussionen und momentan überhaupt eine kurze Zündschnur; ich hätte mich genauso gut zwischen eine Löwin und ihren Riss drängeln können. Sie will mich aus den Augen, und zwar schleunigst, also versucht sie es mit Einschüchterung: springt auf mich zu und schreit mir ins Gesicht. Irgendwas mit Verpissen, die Worte sind nicht ganz klar. 

Den Trick kenne ich schon. Ich weiß, dass ich jetzt keinen Schritt zurückweichen darf, sondern im Gegenteil einen halben Schritt vortreten muss. Als sie sieht, dass ihr Ausbruch keinen Erfolg hat, wirft sie sich zurück auf den Boden und widmet sich wieder dem Basteln. 

„Sie gehen jetzt bitte woanders hin oder ich rufe die Polizei“, sage ich. Das klärt diese Art von Situation manchmal. Falls nicht, muss man den Worten Taten folgen lassen, das weiß jeder, der sich mal mit Pädagogik hat beschäftigen müssen. Wenn die Gegenseite mitbekommt, dass gerade mit der Polizei telefoniert wird, führt das mitunter zum Sinneswandel. Ansonsten zeigt sich die Polizei erfahrungsgemäß dankbar für den Hinweis und sagt zu, umgehend jemanden vorbeizuschicken. 


Die junge Frau beeindruckt meine Ansage leider überhaupt nicht. Sie brüllt wieder irgendwas mit Verpissen, diesmal allerdings ohne die Augen von der Bastelarbeit zu nehmen. Ich nehme also mein Handy aus der Hosentasche, und in diesem Moment fällt mir etwas ein, das mir schon vorhin in der U-Bahn aufgefallen war und das ich im Eifer des Gefechts bequemerweise verdrängt hatte: mein Handy hat keinen Saft mehr. Hat nachts aus unerfindlichem Grund einfach nicht geladen. 


Da ich nun ohne Druckmittel dastehe, kann ich im Grunde nur noch Leine ziehen. Es gibt aber eine letzte Option, die sich anbietet: den Bluff in Form der Einschüchterung, so wie ihn die junge Frau gerade schon angebracht hat. Ein Versuch kostet ja auch nichts. 

Ich weise sie also lautstark an, jetzt sofort von Dannen zu ziehen, sonst würde ich ungemütlich. Ich versuche dabei, so viel Autorität wie möglich in meine Stimme zu legen. Dafür ist es hilfreich, wenn man die Luft tief vom Zwerchfell zieht. 

„Halt's Maul oder's gibt 'ne Klatsche“, brüllt sie zurück. Ich erwidere, was ihr eigentlich einfiele, sie solle ihr Heroin gefälligst zu Hause konsumieren wie alle anderen auch. Wir zetern wie die Fischweiber, und die Leute, die an uns vorbeiziehen, wenden die Köpfe. 


Eine Dame mit Fjällräven-Rucksack ist besorgt genug, um neben uns stehen zu bleiben und zu fragen, was denn los sei. Auch ein sportlicher junger Mann mit Vollbart und Fahrradkuriertasche hält an und versucht, die Situation zu durchdringen. Beide schauen ein wenig misstrauischer auf mich als auf die junge Frau mit der Alufolie. Es mag an meiner autoritären Stimmlage liegen. 

„Ey, der soll mich in Ruhe lassen,“ kreischt die Folienfrau, während ich mein Bestes gebe, den beiden die Situation zu umreißen. Ich verleihe meinem Empfinden Ausdruck, dass wir als Gemeinschaft bestimmte Dinge nicht akzeptieren dürfen, und schließe ich mit einem Hinweis auf die vielen Kinder, die hier morgens vorbeilaufen. 

Die beiden nehmen, da die Aggression vorerst gebändigt ist, eine inaktive Haltung an. Insbesondere bei der Dame entfaltet die Erwähnung der Kinder aber eine gewisse Wirkung. Nach etwas Überlegung wendet sie sich der Folienfrau zu und fragt behutsam, ob sie sich, da es eventuell ja wirklich nicht so ideal sei, wenn es alle mitkriegen, für das Rauchen vielleicht etwas mehr zur Wand drehen könne...? 

Die Folienfrau murmelt Zustimmung, kommt der Bitte beinahe nach und fischt ihr Feuerzeug aus der Hosentasche. 

„Hören Sie, das führt doch zu nichts“, resigniere ich. “Es wäre besser, die Polizei zu rufen. Ich würde es, wie gesagt, selbst tun, wenn mein Handy nur geladen wäre. Wenn also jemand von Ihnen so gut sein könnte...?“ 

Die Fjällräven-Dame reagiert mit einem sanften Achselzucken. Der junge Bartträger dagegen schaut mich an, als ob ich ihm gerade nahe gelegt hätte, den Nachbarn Böller in die Briefkästen zu stecken. 

„Nein, so etwas mache ich nicht“, sagt er erschreckt. 


Beschämt von so viel Menschengüte, schleiche ich mich davon. Später auf der Arbeit angelangt, kann ich die Polizei natürlich über das Festnetz verständigen, aber Hand aufs Herz: Wäre es nicht reine Rechthaberei? 

14.3.24

Keine Gefahr 


Die Leute, die uns jetzt raten, den Russen das Leben nicht so schwer zu machen - die uns also raten, wieder russisches Gas und Öl zu kaufen, die Handelssanktionen insgesamt aufzuheben, schleunigst damit aufzuhören, den Ukrainern Waffen zu liefern, und am besten gleich die Nato abzuschaffen -, diese Leute - Frau Wagenknecht zum Beispiel und Frau Mohamed Ali und noch ein paar andere - behaupten das natürlich ohne innere Widersprüche. Denn sie sagen uns ja gleichzeitig, dass wir diese übertriebenen Ängste vor Putin einfach mal sein lassen können. Weil wir von ihm und Russland nämlich nichts, rein gar nichts zu befürchten haben. Und sie kennen sich mit Putin anscheinend ganz gut aus. 


Interessanterweise sind das genau die gleichen Leute, die noch kurz vor dem Überfalls Putins auf die Ukraine Stein und Bein geschworen haben, dass es nie im Leben zu solch einem Überfall kommen werde. Weil Putin an so einem Überfall ja gar kein Interesse haben könne.



17.2.24

Deutschland weiß es besser 


Die Klimaerwärmung ist das unangefochtene Umweltproblem Nummer Eins. Das haben die meisten Leute mittlerweile begriffen. Es gibt jetzt sogar eine ganze Menge Menschen, gerade in Deutschland, die sagen, dass wir im Kampf gegen die Klimakatastrophe alle Register ziehen und uns selbstverständlich auch ein bisschen aus unserer Komfort-Zone hinausbewegen müssen. 


Aber wenn wir etwas in Deutschland anfangen, dann richtig, und wenn wir schon anfangen, was für die Umwelt zu tun, dann schalten wir auch gleich die Atomkraft ab. Weil der Atommüll ja nun auch schlecht für die Umwelt ist, das weiß jedes Kind, spätestens seit den 80ern. 


Und weil wir ja nun beim besten Willen nicht von heute auf morgen ausschließlich mit erneuerbaren Energien auskommen können, müssen wir halt die Kohle und das Gas noch ein bisschen länger verheizen. Nur vorübergehend, natürlich. 

Schön, es gibt da ein paar Leute, die finden, dass wir auch Kohle und Gas abschalten und uns mit dem Energiemangel dann irgendwie arrangieren sollten. Wirtschaftswachstum sei sowieso überbewertet. Von diesen Leute gibt es aber nicht sehr viele. Denn es hört sich zwar irgendwie gut an, mit weniger Energie auszukommen und das ursprüngliche Leben wiederzuentdecken. Aber spätestens bei der Abschaffung von Ultraschall, Computertomographie, Intensivstationen, Frühgeborenen-Inkubatoren, Krebsmedikamenten, Antibiotika und so weiter hört bei der Mehrheit die Naturromantik auf. 


Jetzt sagt plötzlich die halbe Welt - mit Ausnahme von Deutschland, Österreich und Luxemburg -, dass es ganz gut wäre, statt auf Kohle und Gas lieber auf Atomkraft zu setzen. Das Wichtigste sei schließlich, die Treibhausemissionen auf Null zu senken, das Problem mit dem Atommüll sei letztlich wissenschaftlich lösbar, die Klimakrise gehe hier vor, in Fukushima habe es keinen einzigen Toten durch Strahlung gegeben, blah blah blah. 


Wir Deutschen wissen es glücklicherweise besser. Liebgewonnene Ansichten über Bord werfen, geht's noch?